Recycling und Over-Packaging: Wie lässt sich Verpackung im Versandhandel optimieren?

Ein bekanntes Szenario: Die online bestellte Küchenwaage wird in einem Riesenpaket geliefert. Meist ist sie von reichlich Polsterchips aus Schaumstoff umhüllt, die den ganzen Karton ausfüllen. So viel Verpackungsmüll schadet nicht nur der Umwelt, sondern nervt auch Kundinnen und Kunden, die ihn in der oft überfüllten Altpapier- und Wertstofftonne entsorgen müssen. Und selbst dann kann nicht alles recycelt werden. Aber lassen sich die Müllberge überhaupt verhindern? Und was können Händlerinnen und Händler konkret dagegen tun?

Lesezeit: 6 min.

Wie viel Verpackungsmüll produzieren wir eigentlich?  

Der deutsche Versandhandel boomt: Die Bundesvereinigung für Logistik bestätigt, dass jährlich ca. 3,5 Milliarden Versandpakete quer durch Deutschland reisen. Dabei hinterlassen sie jede Menge Verpackungsmüll. Laut einem Bericht des Umweltbundesamtes (UBA) von 2017 beläuft sich die Menge an privat erzeugten PPK-Verpackungsmüll (Papier, Pappe und Karton) auf rund 0,85 Mio. Tonnen pro Jahr – und das ohne Berücksichtigung von Retouren oder Katalogversand.

 

„Das kann man doch alles recyceln“, wird vielleicht jemand sagen. Das stimmt vielleicht für die Faltschachtel: 87,6 % des Karton- und Papiermülls werden laut UBA in Deutschland wiederverwertet. Bei sonstigem Füll- und Polstermaterial sowie Paketband sieht die Sache schon anders aus, denn vor allem Kunststoffgemische lassen sich nicht immer recyceln. Nur knapp die Hälfte der Kunststoffverpackungen werden wiederverwertet. Der Rest landet in der Verbrennungsanlage. 

Warum sollten Händler Verpackung reduzieren? 

Zur Vermeidung von Warenbeschädigungen und Retouren müssen Produkte sicher und stoßfest verpackt werden. Um Materialkosten zu sparen, kaufen viele Onlinehändler Einheitskartons in großer Stückzahl ein. Darin werden dann auch kleinere Artikel verschickt. Die Leere im Paket wird dann mit Füllmaterial unterschiedlicher Recyclingfähigkeit kompensiert. Leicht und günstig, lautet die Devise. Schließlich richten sich die Versandkosten meist nicht nach Größe, sondern nach Gewicht. Das Thema Nachhaltigkeit kommt dabei aber oft zu kurz.

Gegen solche Umweltsünden hat der Gesetzgeber mittlerweile Maßnahmen ergriffen. Mit dem 2019 erlassenen Verpackungsgesetz sollen Unternehmer wegen Produkt- und Versandverpackungen, die sie in den Verkehr bringen, zur Kasse gebeten werden. Bei Nichtbeachtung der Vorgaben drohen gesalzene Bußgelder. Ob das Gesetz auf Sie zutrifft und was Sie sonst noch beachten müssen, erfahren Sie hier.

Doch strenge Vorgaben sind nicht der einzige Motivator für Händlerinnen und Händler, in Zukunft verantwortungsvoller zu verpacken. Wie wir in unserem Artikel über nachhaltige Lieferketten gesehen haben, halten immer mehr Käufer Ausschau nach grünen Produkten und Lösungen. Reagiert der Händler nicht auf die Beschwerden der Kunden, könnten diese über kurz oder lang zu klimafreundlicheren Anbietern wechseln. Ein Grund mehr, genau auf die eigene Verpackung zu schauen.

Wie verpacke ich klimafreundlich  

Eines vorweg: Verpackung ist nicht grundsätzlich schlecht. Richtig und in Maßen eingesetzt, erfüllt sie eine wichtige Schutzfunktion für die Ware und ermöglicht zudem eine optimale Raumausnutzung bei Lagerung und Transport.  Für die bewusste, ressourcenschonende Nutzung ist ein nachhaltiger Ansatz notwendig. Hier gilt der allgemeine Grundsatz: Vermeiden > Vermindern > Verwerten.

Recycling ist gut, Müllvermeidung ist besser 

Ökologisch gesehen ist die beste Verpackung gar keine Verpackung. Denn selbst bei der Müllverwertung können nicht alle Wertstoffe recycelt werden. Da es beim Versand nicht ganz ohne Verpackung geht, sollte zumindest die Reduzierung aufs Wesentliche angepeilt werden. Auch in Ihrem Onlineshop können Sie dazu beitragen, Verpackungsmüll zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren.

  • Prüfen Sie, ob Sie bestimmte Materialien bei Ihrer Verpackung in Zukunft weglassen können: Ist die Extraschicht Luftpolsterfolie notwendig? Lässt sich eventuell weniger Kleber oder Paketband verwenden? Lassen sich Etiketten durch Direktbeschriftungen vermeiden? Hier gilt das Ökonomische Prinzip: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.
  • Hinterfragen Sie Ihre Verpackungslösungen regelmäßig. Vielleicht gibt es Alternativen, die leichter zu transportieren oder platzsparender sind.
  • Weisen Sie Ihre Kunden darauf hin, dass sie durch Sammelbestellungen Verpackungsmüll und Versandkosten sparen können – der Umwelt und dem eigenen Geldbeutel zuliebe. 
  • Verwenden Sie Paketband und Etiketten, die den Karton beim Abreißen nicht beschädigen. So können ihn Kundinnen und Kunden für Retouren und andere Sendungen wiederverwenden oder sogar „upcyceln“ (z. B. für Stauraum, Umzüge oder zum Basteln).

Recycling von Verpackungsmüll – Eine kleine Materialkunde  

Manchmal geht es nicht anders: Wenn Verpackungsmüll anfällt, können Sie zumindest dafür sorgen, dass ein Großteil davon wiederverwertet werden kann. Die Wahl der richtigen Materialien ist dabei entscheidend. Hier eine kleine Übersicht zum üblichen Verpackungsmaterial sowie einige klimafreundliche Tipps:

 

1. Papier und Pappe sind die klimafreundlichsten Verpackungsmaterialien. Sie lassen sich günstig aus nachwachsenden Rohstoffen und Altpapier herstellen und der Recycling-Anteil von Kartonverpackungen liegt bei 65 %. Um die Ökobilanz zusätzlich zu verbessern, ist bei der Auswahl von Kartonagen Folgendes zu beachten:

  • Das für die Herstellung verwendete Holz sollte aus nachhaltig bewirtschafteten Forsten stammen.
  • Wählen Sie Material aus, das frei von Weichmachern, Druckfarben und weiteren umweltschädlichen Zusätzen ist. So lassen sich nicht mehr recyclebare Reststoffe an Papier nach entsprechender Aufarbeitung zumindest kompostieren.

 

2. Kunststoffe: Als Verpackungsmaterial kommen sie insbesondere in Form von Beuteln, Folien und Luftpolstern zum Einsatz. Die Vorteile: Kunststoffe sind leicht, langlebig und günstig. Da sie sich aber nur sehr langsam zersetzen, ist das Risiko der Umweltverschmutzung hoch.

Wenn es doch mal die Kunststoffpackung sein muss (z. B. wegen produktbezogener bzw. hygienischer Vorgaben), haben Sie dennoch einige Möglichkeiten, ihre Recycelbarkeit zu erhöhen:

  • Ziehen Sie Einstoffverpackungen Kombinationen aus unterschiedlichen Kunststoffen vor.
  • Halten Sie Ausschau nach bioabbaubaren Kunststoffen. Mittlerweile gibt es für viele Füllmaterialien auch völlig grüne Alternativen, z. B. Polsterchips aus Mais- oder Kartoffelstärke, die einfach in der Biotonne oder im Kompost entsorgt werden können.
  • Benutzen Sie ungefärbte oder unbedruckte Verpackungen, da sich diese meist leichter recyceln lassen.
  • Verzichten Sie auf Packstoffe, die mit Additiven, Klebstoffen oder Primern vermischt sind.

 

3. Druck- und Klebstoffe kommen insbesondere bei der Beschriftung von Verpackungen, bei Etiketten oder Packbändern zum Einsatz. Allgemein sollten Sie auf aggressive, giftige Kleb- und Druckstoffe verzichten, die entweder die Kartonage beschädigen oder deren Wiederverwertung beeinträchtigen könnten.

Fazit

Ganz ohne Verpackungen geht es nicht. Vor allem zum Versandhandel gehören sie einfach dazu. Dennoch gibt es für Händlerinnen und Händler viele Anreize, weniger Verpackungsmüll zu produzieren. Zum einen, um gesetzliche Vorgaben einzuhalten und Bußgelder zu vermeiden, zum anderen aber auch, um den Ansprüchen umweltbewusster Kundinnen und Kunden zu genügen. Wer sich für die Vermeidung von Müllbergen einsetzt, stärkt seine Ökobilanz, sein Image und somit auch seine Attraktivität für Kunden, die für nachhaltige Produkte auch bereit sind, mehr zu zahlen. Eine Menge gute Gründe also, aus weniger mehr zu machen.  


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